Stücke


GRETE MINDE

nach der Novelle von Theodor Fontane

„Was brachte er uns das fremde Blut ins Haus? Das fremde Blut und den fremden Glauben. Und arm wie das Heimchen unterm Herd.”

mit Patrick Bartsch, Peter Cloes, Beatrice Kaps-Zurmahr, Nikolai Knackmuss, Karin Leyk, Lilia Nentwig

Regie: Christina Vayhinger, Dramatisierung und Dramaturgie: Karoline Bendig, Licht: Katja Winke, Assistenz: Thorsten Müller

Spieldauer 135 min.
UA 27.10.2010 Orangerie Köln

Inhalt
Wir schreiben das Jahr 1617 – in Tangermünde raucht und qualmt es. Die Stadt steht in Flammen. Vier Jahre zuvor – die Halbwaise Grete Minde ist fremd in ihrer Heimatstadt, deren Bewohner sie ablehnen, weil sie anders ist, weil sie stolz wirkt, weil sie keine Demut kennt und weil sie den falschen Glauben hat. Ihre Umwelt hält unerbittlich an ihren eigenen Wertvorstellungen fest, wo jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und Nächstenliebe ein Fremdwort ist. Grete flieht mit dem Nachbarsjungen Valtin. Als dieser stirbt, muss sie mit dem gemeinsamen Kind den bitteren Heimweg antreten und um Hilfe und Gnade bitten. Doch die Gemeinde verweigert ihr ihr Erbe. Gretes Rache ist vernichtend: Sie legt ihre Heimatstadt in Schutt und Asche und tötet sich und ihr Kind.

Pressestimmen

Grete Minde legt Feuer
Mitreißend liebevolle Novellendramatisierung
Grete Minde hat eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt, aus Rache. So erzählt Theodor Fontane die Geschichte der ungeliebten Halbwaise, die am Ende in den flammenden Tod stürzt. Und so erzählt sie das freie Theater 1000 Hertz unter der Regie von Christina Vayhinger in der Orangerie. Grete, liest man auf der Homepage der Gruppe, ist vor allem eine Fremde. Ihr inzwischen verstorbener Vater hatte eine Frau aus Spanien geheiratet, die noch dazu katholisch war; sie vererbte ihrer Tochter Grete eine Reliquie – das einzige, was ihr von ihrer Mutter geblieben ist. Die verwaiste Grete lebt bei ihrem Halbbruder Gerdt, der mit Trud verheiratet ist, und die will der Schwägerin nicht gut. Dazu kommt der Altersunterschied: Grete wächst auf wie ein Kind der beiden.
Jetzt sitzt man also in der Vorstellung und erwartet einen Beitrag zur Migrationsdebatte. Am Anfang wird die Geschichte von Grete auch so angekündigt, „die ihre Stadt verließ, weil sie eine Fremde in der eigenen Heimat war.“ Dann klingt das Thema nur noch hier und da an, zum roten Faden aber wird das Kind, das viel Ablehnung erfährt. Christina Vayhinger hat mit ihrem sechsköpfigen, großartigen Ensemble die Episode, in der Grete flieht und mit Puppenspielern durchs Land zieht, zum Spielrahmen erhoben, so dass das Publikum der Gretegeschichte als einer Puppengeschichte beiwohnt. Aufgeführt wird sie von einer kleinen Schmierentruppe mit dick aufgetragener Schminke und Sprache, viel abgehalftertem Spektakel und spartanischem Bühnenbild. Die Gesten sind knapp, expressiv, immer auf den Punkt. Vor allem aber sind sie voller Gefühl, wenn sich die Grete-Puppe auf dem Schoß von Darstellerin Karin Leyk trösten lässt. Todtraurig ist schließlich, wenn der ihr bedingungslos im Guten zugetane Valtin (auch eine Puppe) in ihrem Armen stirbt. Also doch Liebe! Aber, ach, es bleibt Grete ja nichts, ob nun ihr Trotz oder ihre Sehnsucht nach Würde daran schuld ist – oder doch die anderen. Das Theater 1000 Hertz erzählt eine gefühlvolle, mitreißende Geschichte. Nicht weniger.
Choices, Christiane Enkeler 11/10

Durch die enge Himmelspforte - "Theater 1000 Hertz" beeindruckt mit Fontanes "Grete Minde"
"Es sind ja nur Puppen", beruhigt Valtin seine Grete, als sie gemeinsam ein Stück namens "Das Jüngste Gericht" ansehen, das eine Vagantentruppe im Rathaussaal gibt. Wenn im frühen 17. Jahrhundert Unterhaltung in protestantischen Landen angesagt war, dann musste die möglichst erbaulich sein und den Weg durch die enge Himmelspforte weisen: "Pass auf, kleines Herz, was du denkst, pass auf, kleines Ich, werd´ nicht zu groß", singen die Schauspieler.
Da sieht jemand zu, und am Ende wird abgerechnet. Bigotterie und religiöse Hysterie führen in Theodor Fontanes Novelle "Grete Minde" neben Intoleranz, Geiz und Neid zur Katastrophe.
Und das betont Karoline Bendigs Dramatisierung die am Mittwoch mit dem "Theater 1000 Hertz" in einer Inszenierung von Christina Vayhinger Premiere in der Orangerie hatte, ganz ausdrücklich. Nur, dass Fontanes nicht unproblematische Vermischung von Schauermärchen und psychologischer Studie vor dem Hintergrund eines realen historischen Falls hier ganz in eine böse Farce umgedeutet wird: Jenes "Jüngste Gericht" wird eben nicht, wie seinerzeit noch üblich, von Puppen dargestellt, sondern von realen Akteuren - Puppen sind stattdessen lediglich die Halbwüchsigen Grete und Valtin.
Vayhingers Idee, gleich auch die ganze Geschichte von "Grete Minde" als Aufführung einer fahrenden Truppe zu inszenieren, bringt zwar einige Längen mit sich, ist aber nicht nur deshalb schlüssig, weil sie die Unebenheiten des Originals mit der Inkompetenz der Handelnden erklärt. Vor allem wird das gesellschaftliche Umfeld von Eltern, Geschwistern, Pfarrern und Ratsherren als groteske Veranstaltung bemühter, aber hohl deklamierender, letztlich überforderter Schmierenkomödianten entlarvt.
Anrührend und "real" ist da ausgerechnet die Liebesgeschichte der beiden Puppen. Und wenn die misstrauisch beäugte, weil katholische und fremdländisch aussehende Grete um ihr Erbe betrogen wird und deshalb in einer packenden Schlussszene ihre Heimatstadt anzündet, dann ist das die Höllenfahrt einer in ihren Konsequenzen unmenschlichen Ordnung.
Hans-Willi Herrmans, Kölnische Rundschau, 10/10

"Grete Minde" in der Orangerie
Eine junge Frau, die von früh auf wegen ihrer kulturellen und religiösen Wurzeln schlecht behandelt wird, nimmt eines Tages Rache an einer Stadt und ihren Einwohnern. Die historische Grete Minde wurde 1617 gefoltert und hingerichtet; Fontane widmete ihr eine Novelle. In ihrer Dramatisierung für das Theater 1000 Hertz hält sich Karoline Bendig eng an die Handlung und Sprache. Sie erfindet aber ein Spiel im Spiel hinzu, indem sie die Geschehnisse von einer Puppenspielertruppe, die in der Handlung vorkommt, aufführen lässt. Regisseurin Christina Vayhinger setzt das fahrende Volk auf der Bühne der Orangerie im Volksgarten als Kompanie von zweifelhafter Begabung in Szene. Den sechs Ensemblemitgliedern gibt das Raum, mal übertrieben zu stümpern, mal naturalistisch-ernsthaft das Geschehen voranzutreiben. Die Idee, Grete und ihren Freund mit Stockhandpuppen (Bau: Adrien Megner) zu besetzen, ist zwar schlüssig, verkompliziert jedoch die emotionale Bindung - wie überhaupt einige Einfälle zwar blitzgescheit, aber doch sehr "sophisticated" wirken. Eine eigenwillige, fantasiereiche und formlastige Uraufführung, die ein paar Kürzungen vertragen hätte, aber durch stimmige Zeichnung der Zerstörung eines Individuums in einer rigiden Gesellschaft besticht.
Jessica Düster, Kölner Stadtanzeiger 10/10